Der sechste Videocity-Stadtparcours St. Pölten reflektiert unter dem Titel „Morphing Realities“, wie gegenwärtige Videokunst unterschiedliche Realitäten zusammenführt und durch das Verschmelzen visueller Welten neue Wirklichkeiten generiert. Aus einem Nebeneinander verschiedener visueller Ebenen werden vielfältige Geschichten über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entwickelt.
Anhand natürlicher Muster, die sich durch die Verzweigung von Bäumen oder durch das Wachstum myzelialer Netze bilden, haben Künstler*innen versucht zu verstehen, wie Lebensformen miteinander kommunizieren und sich gemeinsam entwickeln. Wenn sich heute biologische Prozesse mit rechnerischen Systemen verweben und Design zunehmend mit lebender Materie zusammenarbeitet, entstehen neue Formen des Wissens. Video bietet die Möglichkeit, auf visueller Ebene jene Analogien mit digitalen Hilfsmitteln zu verbinden und neue Modelle von Wirklichkeit zu schaffen. Diese Formen der Produktion sind kollektiv, relational und stehen in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander.
Die im Rahmen von „Morphing Realities“ gezeigten Videos ermutigen uns, die Welt als lebendiges Archiv von Erinnerung zu sehen. Jeder Organismus und jedes System trägt Spuren anderer in sich und bildet Netzwerke, die sich über Generationen und Umgebungen hinweg erstrecken. Wirklichkeit, insbesondere die Art und Weise ihrer visuellen Darstellung, kann daher nicht länger als fixiert angesehen werden, sondern ist fluide und getragen von verschiedenen Einflüssen sowie gegenseitiger Unterstützung.
Der Videozyklus lädt zur Erkundung unterschiedlicher künstlerischer Bildproduktionen ein, die allesamt in Gemeinschaft und Gegenseitigkeit verankert sind. Angesichts ökologischer Krisen und technologischer Transformationen entwirft „Morphing Realities“ Möglichkeiten für geteilte Fürsorge, kollektives Wachstum sowie die Schaffung von Gemeinschaften, die über das Menschliche hinausgehen.
Walter Seidl · James Stephen Wright